Heimat erleben
Sonntag, 21. Mai 2017: Familienspaziergang auf den Spuren der Seligen Mechtild – Marterl der Kinder am Ziegelstadel neu eingerichtet

Diessen – So stellt man sich einen Familiensonntag im Mai vor: Groß und Klein schultern den Rucksack, ziehen die Wanderschuhe an und erobern blühende Wiesen und maigrüne Wälder: Der Diessener Trachtenverein hat zu seinem ersten Spaziergang mit dem Motto "Heimat erleben und spüren" eingeladen und zu Fuß Stationen besucht, die an das Leben der Brotmutter von Diessen, der Seligen Mechthild, erinnern. Am Ende des erlebnisreichen Sonntags haben sie das nahezu vergessene "Bildstöckl der Kinder" am Ziegelstadel wieder in den Blickpunkt gerückt.

Die eigene Heimat spüren. Die heimlichen Schönheiten am Wegesrand, die im Alltag untergehen, neu erleben – das ist dem Heimat- und Trachtenverein d' Ammertaler Diessen - St. Georgen mit dem Sonntagsspaziergang gelungen. Vorsitzender Magnus Kaindl und Beate Bentele (Öffentlichkeitsarbeit) begleiteten durch Wald und Kultur. Die Spuren von Mechthild (geboren um 1125, gestorben am 31. Mai 1160), der berühmten Adeligen aus dem Geschlecht derer von Andechs, Diessen und Meranien erlebten vor allem die Kinder mit Staunen. Sie berührten sanft und vorsichtig den Kopfwehstein im Eingang des Marienmünsters, auf dem die Selige ruhte und dessen Berührung vor Kopfweh schützen möge. Sie staunten über den Reliquienschrein und entdeckten am Diessener Himmel die Szene, als die Fünfjährige von ihrem Vater, Graf Bertold II., in die Obhut des Frauenklosters St. Stephan zur Erziehung gebracht wurde, wo sie bis zu ihrem frühen Tod mit 35 Jahren lebte.

Die Erinnerungstafeln an die Selige auf der Rückseite des ehemaligen Klosters St. Vinzenz und der gegenüberliegende Standort der Vorgängerkirche des Marienmünsters nahmen sie in Augenschein, bevor sie durch die Wiesen Richtung Winkelsteg wanderten. An der Brücke über den Tiefenbach erinnerte Sepp Kaindl an den Brückenheiligen und die 28 Mühlen, die einst im Diessen des Mittelalters betrieben worden sind und deshalb der Bach als die Lebensader des Ortes in die Geschichte einging. Die Holzstatue aus der Asam-Schule, die das Marterl am Winkelsteg einst schmückte, gibt es nicht mehr. An seiner Stelle steht seit Mai 2004 wieder ein Brückenheiliger, begleitet von zwei Engelchen von der Keramikerin und Malerin Anneliese Mittermayr.

Über die Wolfsgasse ging es zum Tonihof, wo Anneliese Wernseher ihre Hofkapelle vorstellte, die im September 2012 vom damaligen Ottilianer-Erzabt Jeremias Schröder gesegnet wurde und deren Marienglocke er geweiht hat. Auch diesen Ort haben die meisten der Trachtler, vor allem die Jugend, das erste Mal besucht. Nächste Station, zu erreichen über Wurzelwerk und sumpfige Wegestrecken am östlichen Hügelhang des Burgbergs war das Mechtildis-Brünnlein, dessen Wasser, das aus dem Tuffstein rinnt, der Volksmund Heilkraft bei Augenleiden zugeschrieben hat. Allerdings, so warnt der Diessener Wasserwart, möge das Quellwasser heute nicht mehr zum Reinigen der Augen benutzt werden.

Ein kurzer Anstieg über die steile Waldtreppen endete bei der Burgkapelle, wo Jürgen Zirch (zweiter Vorsitzender des Trachtenvereins) zusammen mit Albert Hinterbichler einen kleinen Biergarten mit Fassbier und Erfrischungen herbeigezaubert hatte. Magnus Kaindl, der während seines Archäologie-Studiums und seiner Tätigkeit beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in die topografische Aufarbeitung der Diessener Burg eng eingebunden war, schaffte es mit Fachkenntnis und Unterhaltungsgeschick, vor dem geistigen Auge der Wandergruppe die großen Burganlagen mit Eingangstor, Burgwällen und Burggraben lebendig zu machen. Außerdem zeigte und erklärte er das rekonstruierte Mauerstück aus Tuffstein, das die Denkmalschützer vor einigen Jahren mit Info-Tafel unterhalb der Bugkapelle aufgestellt hatten. Das regte natürlich die Kinder an, sich sofort in Ritter zu verwandeln und wollten von ihrem König (dem Vorsitzenden) zum Ritter geschlagen werden. Es handelte sich übrigens um die Stammburg der Grafen von Diessen, die zwischen dem 11. und der Mitte des 12. Jahrhunderts vom heutigen Burgberg aus ihr mächtiges Reich von der Sconenburg aus regierten. Die Stammburg-Anlage wurde beim Umzug der Grafen nach Andechs geschliffen.

Bildstöckl am Ziegelstadel
Letzte und wichtigste Station: Das Marterl der Kinder am Ziegelstadel. Es ist das größte der sechs Bildstöcke, die unter Benefiziat Jakob Ruf zwischen 1953 und 1956 mit Schulkindern um Diessen herum gebaut worden sind, damit in der Marktgemeinde immer Frieden sein möge. Albert Hinterbichler vom Trachtenverein hat das kleine Walmdach des Marterls neu geschindelt und mit Kupferblech versehen, damit es trocken bleibt. Das Wessobrunner Gnadenbild mit der Blütenkranz-Madonna, das vom Freskomaler Sebastian Wirsching (1908-1963) seinerzeit auf Blech gemalt wurde, hat der Diessener Kunstmaler Christian Wahl jetzt aufgefrischt und konserviert. Die Trachtenkinder haben mit Freude das Gittertürchen (geschmiedet von Simon Spensberger, dem Gründer der Spensberger Schmiede) aufgesperrt und die Wessobrunner Madonna jetzt in voller Schönheit wieder eingesetzt. Den Sockel des Marterls schmückten sie mit Frühlingsblumen und sangen das Mechthildislied, das die Jugendleiterinnen Melli Schranner und Regina Hinterbichler ausgegraben haben. Es ist heutzutage nahezu unbekannt. Jürgen Zirch erklärte die Kugeln, die an der Frontseite fürs Rosenkran-Beten angebracht sind, er stimmte das Salve Regina an und sprach ein Gebet. Text | Fotos: Beate Bentele
Die Materl der Kinder

Diessen – Es gibt in Diessen sechs Bildstöcke der Kinder. Weitere waren geplant, sind aber wegen der Abberufung von Benefiziat Jakob Ruf nicht mehr gebaut worden. Zum Hintergrund: Nach dem Zweiten Weltkrieg, Anfang der 1950-er Jahre, haben Schulkinder Ziegelsteine zu je 30 Pfennig gekauft. Jedes Kind schrieb mit Kreide seinen Namen darauf. Auf der Rückseite malten sie ein Herz und ein "Ave Maria" dazu. Die Kinder trugen ihre Steine in die Schulmesse und zogen dann zum jeweiligen Bauplatz. So wurden die Bildstöcke errichtet und in jeden eine Urkunde mit den Namen der Kinder und ihren Fingerabdrücken eingemauert. Heimische Baumeister, Schmiede und Künstler wirkten mit. Zur Entstehungszeit haben sich Familien und Mitwirkende beim Bau um die Bildstöcke gekümmert, sie gepflegt und mit frischen Blumen versehen. Das hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert und die meisten Marterl sind in Vergessenheit geraten, ausgeraubt und verstaubt.

Die sechs Standorte sind

… am Gruberberg, an der Landsberger Straße, das ursprüngliche Marienbild stammte von Eva Braun, geb. Rossen (1921-2010)

… in Neudiessen, dafür hat der Kunstmaler Wolfgang Hildebrandt einst eine Schutzmantel-Madonna gemalt

… an der Weilheimer Straße (Höhe Keramik Hudler) das der Kunstmaler Rudolf Schoeller (1905-1986) zur Entstehung mit einer Maria Hilf-Darstellung geschmückt hat

… an der Burgbergstraße hatte das Marterl ursprünglich eine Pieta von Max Alton (1916-1992), heute befindet sich eine Pieta aus Keramik von Anneliese Mittermayr darin

… in St. Alban nahe der Staatsstraße wurde das Bildstöckl mehrfach beschädigt durch Fahrzeuge. Es war ursprünglich eingerichtet mit einer Madonna, gemalt von Sebastian Wirsching (1908-1963)

… das Bildstöckl am Ziegelstadel – das einzige Marterl, das noch seine ursprüngliche Ausstattung hat – ist jetzt wieder erneuert und wie die Trachtenkinder beim Einrichten des Marterls beteuerten: "Wir werden jetzt ein Auge darauf haben, dass es nicht mehr beschädigt wird." Beate Bentele

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