Die Demonstration der Christen
Donnerstag, 15. Juni 2017: Fronleichnam in Diessen

Diessen – Nach jahrelanger Pause ist die Fronleichnamsprozession heuer wieder vom Klosterberg bis hinunter in die Fischerei gezogen: Die sogenannte große Tour als beeindruckendes Zeugnis inniger Volksfrömmigkeit hielt Andacht an drei Außenaltären: Beim Schmiedemeister Walter Spensberger in der Schützenstraße, beim Marienplatz in der Fischerei und von dort zog die Prozession zum Rathaus, wo der Altar des Heimat- und Trachtenvereins d' Ammertaler Diessen – St. Georgen die Gläubigen innehalten ließ. Die zahlreichen Vereinsabordnungen und Insignien des heimischen Brauchtums, die Bläsergruppe Diessen, die Kommunionkinder, die Schwestern aus St. Alban und viele Gläubige begleiteten die Monstranz mit dem Allerheiligsten, von Pfarrer Josef Kirchensteiner unter dem "Himmel" getragen. Erst gegen Mittag kamen die Gläubigen am vierten Altar – im Marienmünster – an.

Seit Jahrzehnten verlassen die drei barocken Marienfiguren nur immer zu Fronleichnam das Marienmünster. Die Jungfräuliche, die Schmerzhafte und die glorreiche Gottesmutter sind schwere Holzschnitzereien aus der Entstehungszeit der Kirche. Vom Diessener Trachtenverein werden sie zu Fronleichnam mit Blumen geschmückt und von je vier oder mehr Erwachsenen auf den Schultern in der Prozession mitgetragen. Die Trachtenkinder gehen mit den Stützstecken nebenher, auf denen die schweren Tragemadonnen vor den Altären abgestellt werden, um die Träger zu entlasten. Angesichts der fast tropischen Hitze haben die Trachtenkinder schnell entdeckt, wie wohl die Kühle unter den Holzfiguren tut und hielten sich – wenn die Prozession Halt machte – unter den Madonnen auf.

Vor der Prozession stimmte Pfarrer Kirchensteiner auf den hohen Festtag ein und verglich die Prozession mit einer Demonstration, "ein Instrument unseres demokratischen Staates." Eine Demo, so der Pfarrer, solle etwas bewirken, man wolle Zeichen setzen oder auch Druck ausüben zum Beispiel auf Industrie, Politik, Wirtschaft – oder eben Signale setzen, weil Demonstrationen nie wirkungslos blieben, sondern zu Diskussion, Handeln oder Nachdenken anregten. "Auch wir Christen demonstrieren heute und treten aus den Mauern der Kirche hinaus auf die Straßen und Plätze. Wir bedienen uns der Musikinstrumente, um gehört zu werden und wir tragen Jesus Christus in der Monstranz mit. Wir singen und beten. Wir treten in die Liebenswürdigkeit unseres Ortes und gehen an den Lebens- und Arbeitsräumen der Menschen vorbei."

Es sei eine friedliche Demonstration, die unter anderem auch hinweise, dass der Mensch nicht nur von seinen technischen Möglichkeiten, und nicht nur von Spaß und Unterhaltung lebe, "das alles macht unser Leben angenehm, aber es trägt uns letztlich nicht und hilft uns auch nicht, den Sinn und Lebensunterhalt zu finden, den wir uns wünschen oder ersehen." Auch der moderne Mensch brauche den Anblick Jesu, um in dieser Welt bestehen zu können, fuhr der Geistliche fort, "deshalb macht Jesus ein Angebot an uns. Diese öffentliche Liebeserklärung Jesu an uns Menschen formuliert sich in Fronleichnam - und wir wollen Gottes Liebe in die Öffentlichkeit hinaustragen. Damit die Welt besser wird."

Wie es der Brauch ist, rannte man am Ende der Prozession nicht gleich weg, sondern versammelte sich im Traidtcasten bei Weißwürscht und Brezn. "Insgesamt ist dieser Tag ein Beispiel für den Reichtum unserer Kultur", sage Sepp Kaindl, "eine Kultur, die wir pflegen und erhalten mögen." Text | Fotos: Beate Bentele
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