Ein Tänzchen in Ehren
Samstag, 11. Februar 2017: Mit 90 noch gut drauf auf dem Tanzboden – Diessener Trachtenverein feiert Marta Hollunder

Diessen – Der Diessener Trachtenverein hat eines seiner älteren Mitglieder hochleben lassen - und die Jubilarin war glücklich, mit allen einmal zu tanzen: vom achtjährigen Josef bis zu den älteren Semestern. Marta Hollunder ist am 20. November 1926 geboren, "weischt", hat sie in ihrer noch leicht erkennbaren baden-württembergischen Sprachfärbung gesagt, "vor Weihnachten ha i kei Zeit mehr ghabt, so groß zu feiern." Deshalb spielten beim jüngsten Vereinsabend drei Vereinsmusikanten auf, um Marta zu ihrem 90.sten nachträglich zu gratulieren.

Die Freude stand Marta Hollunder ins Gesicht geschrieben und sie forderte immer wieder auf, ihr zu Ehren doch kräftig zu essen und zu trinken. Nebenbei hat sie immer wieder aus ihrem Leben erzählt, das sie mit klarer feiner Handschrift auch in Worte gefasst hatte - und alle wollten lesen, was Marta in neun Jahrzehnten erlebt hat: Krieg, viel Arbeit, drei Männer hat sie verloren und immer wieder kranke Menschen gepflegt. Jetzt ist sie im vierzigsten Jahr Mitglied im Heimat- und Trachtenverein d' Ammertaler Diessen-St. Georgen und sagt, der Verein sei ihr stets am Herzen gelegen, allerdings hätte sie gerne viel mehr Zeit verbracht, aber der Alltag hätte ihr nicht immer die nötige Muse gegeben. Außerdem hätte sie auch das Autofahren eingestellt, was sie natürlich auch mehr an ihren Wohnort Wielenbach bindet. Dabei habe sie das Autofahren sehr geliebt, sagt sie und schmunzelt: "Ich war nach dem Krieg die einzige Frau im Städtle, die mit dem Motorrad (einer NSU) und mit dem Auto rumgefahren ist. Damals noch in Bartenstein bei Schwäbisch Hall."

Geboren und aufgewachsen ist Marta als jüngste von sechs Kindern in der Nähe von Crailsheim. Ihr Vater war Damen- und Herrenschneider, weshalb Marta auch bestens mit Nadel und Faden umgehen kann. In der Nähe von Stuttgart absolvierte sie eine hauswirtschaftliche Berufsfachschule und war bei guten Familien als Kinderbetreuerin in Stellung. In den Kriegsjahren musste sie in den Rüstungsbetrieben Robert Bosch in Crailsheim arbeiten. 1945 verdiente sie ihren Lebensunterhalt dann wieder in der heimischen Schneiderei bei Vater und Bruder. 1949 heiratet sie Franz Metzger. "In einem Jahr Hochzeit, Kind geboren und Tod", sagt sie und berichtet, wie ihr Mann nach Kriegswirren und Verwundung in Russland 1950 tödlich verunglückte.

Marta packte an, radelte in drei Landkreisen auf und ab, um Schmuck, Uhren und Bestecke aus der Goldschmiedestadt Pforzheim zu verkaufen. Dann kam das Motorrad und sie konnte ihr Arbeitsfeld auf fünf Landkreise ausdehnen, dann schaffte sie ein Auto an, für das sie jeden Monat einhundert Mark abzahlte und erweiterte ihre Tätigkeit auf neun Landkreise. 1959 heiratete Marta einen Mann, dem sie zwölf Jahre zuvor schon mal einen Korb gegeben hatte. Aber Helmut Wedeleit litt auch unter einer Kriegsverletzung und starb an einem Granatsplitter im Kleinhirn. Zuvor hatte die kriegsbedingte Gehirnschädigung zu Wahrnehmungsstörungen geführt, die Martas Leben nicht einfacher machten.

Damals lebte Marta schon in Diessen – Wengen. Sie verschönte ihr Haus und kümmerte sich um pflegebedürftige Menschen, unter anderem auch in München. Marta heiratete ein drittes Mal den 25 Jahre älteren Ingenieur Karl Hollunder. Seit 1987 ist sie wieder allein, "nicht allein", lacht Marta, "ich habe das große Glück bei meinem Sohn Peter und meiner lieben und tüchtigen Schwiegertochter zu leben. In Wielenbach, hier freue ich mich über drei Enkel und drei Urenkelchen und bin dankbar, dass ich noch da sein darf." Text | Fotos: Beate Bentele
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