Als die Römer frech geworden
Samstag, 17. September 2016: Großer Saitenschinder-Hoagartn im Unterbräu Diessen

Diessen – Böhmisch trifft Schwedisch, Lied begegnet Jodler, Komponist Leopold Mozart kommt mit Tiroler Bauerndichter Christian Blattl zusammen: Selten war der Saitenschinder-Hoagart so facettenreich, länderübergreifend, von kess und frech bis festlich zugleich. Magnus Kaindl, der die im Diessener Trachtenverein verankerte Musikgruppe Saitenschinder vor zwanzig Jahren gegründet und schon bald danach die Hoagartn in Diessen eingeführt hat, strahlt: "Wir freuen uns, dass neben den Stammgästen so viele neue Volksmusikfreunde gekommen sind, die ‚Hütte' ist richtig voll."

In der Tat war im Unterbräu-Saal die Stimmung gewaltig und ist erst gegen Mitternacht langsam ausgeklungen. "Die Lockerheit", freut sich Sepp Kaindl, "die so ein Abend braucht, ist voll aufgegangen, weil die Mischung mit alpenländischer Volksmusik, mit Liedern und Jodlern die Menschen einmal mehr eng zusammenführte." Kaindl hat denn auch mit dem Männergsangverein der Diessener Trachtler (Andreas Huber, Florian Vief und Michi Promberger, an der Harfe Vroni Vief) das Hoagartln eröffnet. Mit "Weint mit mir, ihr Wirte und Bräuer" bezogen sich Sänger nicht nur auf die Bayerische Landesausstellung 2016 zum Thema "Bier", sondern auch auf Dienstag, 25. Oktober, wo im Unterbräu die Broschüre "O du edles braunes Bier" vorgestellt wird. Das Bierlied vom Tiroler Christian Blattl (1805-1865) mit sechs Strophen haben die Diessener etwas aktualisiert und zum Applaus auch die Lacher auf ihrer Seite gehabt.

Die Saitenschinder selbst haben ihre Freunde und Verehrer mit neuen Stücken begeistert. Dazu gehörte unter anderem der festlich anmutende Frida's Waltz aus Schweden, eine Neuauflage der Ku?elka aus Böhmen, eine Mazurka aus dem Schweizerischen Appenzell. Durch Zufall, erzählt Magnus Kaindl, sei ihm das historische Notenblatt in die Hände gekommen. Magnus Kaindl ist erstmals auch in einer neuen Formation mit Johannes Sift (steirische Harmonika) und Christoph Lambertz (Bassklarinette, Klarinette, Gitarre) aufgetreten, unter anderem mit einem Marsch von Leopold Mozart (1719 -1787). Lambertz ist Musik-Ethnologe aus Augsburg und kommt von der Volksmusikberatung des Bezirks Schwaben. Er überraschte mit Musiken, die beim Diessener Hoagartn bisher noch nicht gehört worden sind. Und er spielte mit der Gitarre zum Gesang auf. Mit seinem Talent, Menschen mitzureißen, haben die Biergläser gewackelt, "Als die Römer frech geworden", einem alten Studentenlied nach Walter Fitz. Der Text beschreibt, wie die Römer auf ihren Tee verzichteten, als sie merkten, dass die Bajuwaren in ihren sumpfigen Wäldern von einem ganz anderen Gesöff schnell lustig werden. Ein Trank der auch noch besser schmeckte und zu dem Mädchen mit flachsblonden Zöpfen "in irdenen Töpfen, jedem eine frisch Mass und dazu drei Pfund Leberkas und ganz frische Brezen bringen." So kam es, "dass die alten Bayern im Jahre acht, mit Bier die Römer bsuffa gmacht." Ein Gesang, der weit über den Bräu in der Fischerei hinaustönte.

Wieder dabei das Duo Knöpf und Soatn mit Herta Wanner und Horst Huber aus München, die für ihre wortwitzigen Couplets und Lieder – hätte man den Applaus gemessen – wilde Ovationen gekriegt haben. Die Diessener Ziachmusi (Sepp Kaindl, Evi Patermann und Andreas Huber, Bass) spielten sich mit ihrer für Hoagartn typischen Ziach-Musik in die Herzen des Publikums. Dass ein Tisch voller starker Kerle - allesamt Jodler vom Diessener Schatzberg-Jodlen - lautstark gegen das gesamte Wirtshaus angesungen haben beim Kaltenbrunner Jodler, war noch eine Herausforderung obendrauf für alle, die sonst eher sachte und leise jodeln, ihre Stimme auch lautstark einzusetzen. Text | Fotos: Beate Bentele
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